Mobgrazing-Land CH?
Was bei weidemilch.ch der Weidegötti nach dem Motto «Weide ist das Ziel» ist, heisst bei regenerativ.ch «Weide der Zukunft». Eine kleine Literaturübersicht und Erfahrungen des Autors.
Ausserdem: Das Graswachstum hat angezogen. Ein paar Tipps von den neuseeländischen Weideprofis.
Inhaltsverzeichnis
Graswachstumsbericht Kalenderwoche 13
Das Graswachstum zieht in der ganzen Schweiz an. Über 30 kg TS/ha/Tag wurden verbreitet gemessen, in den besonders milden Tiefenlagen bereits gegen 60 kg TS. Gemäss dem Grass10-Newsletter soll der Weideanteil auf ca. 50% erhöht werden, sobald der Grasvorrat über 600 kg TS/ha steigt - das ist heute aber noch bei keinem Betrieb der Fall. Etwas kühlere Temperaturen (Durchschnitt unter 10°C) sprechen für ein etwas nachlassendes Graswachstum – je nach Region dürfte dafür etwas Niederschlag fallen und damit die Wachstumsbedingungen verbessern.
Agrometeo für ausgewählte Stationen
Gemäss dem aktuellen Grass10-Newsletter aus Irland vom 25.03.2025 muss aber aufgepasst werden: dort wird momentan verbreitet ein unterdurchschnittliches Graswachstum gemessen. Dies kann nebst dem Wetter auf die zu geringe Blattmasse zurückzuführen sein, in diesem Fall soll der Weideanteil gesenkt werden. Verzehr und Wachstum auf dem Betrieb müssen in Übereinstimmung gebracht werden. Erst wenn mehr 800kg TS/ha stehende Grasreserven stehen, kann gemäss dieser Quelle an die Vollweide gedacht werden.
Weitere Tipps von den Vollweideprofis aus Irland
- Der zweite Umtrieb soll dann beginnen, wenn die zuerst abgeweideten Koppeln wieder einen Grasvorrat von mehr als 800 kg TS/ha aufweisen (entspricht ca. 13 clics oder 6.5 cm RPM). Der durchschnittliche Grasvorrat (AFC) soll zu diesem Zeitpunkt wenigstens 650-700 kg TS/ha betragen.
- Wenn dies voraussichtlich nicht aufgeht, muss die erste Rotation verlangsamt werden (weniger Weidefläche zuteilen).
- Wenn möglich, soll Gras des ersten und zweiten Aufwuchses abwechselnd abgeweidet werden, um den Futterwechsel für die Tiere zu glätten.
Die durch das Grasmessnetz erhobenen Daten werden zeigen, ob diese Regeln auch für die CH anwendbar sind. Wie ein Blick auf die letztjährige Graswachstumskurve zeigt, hatte der Standort Gampelen ein besonders gleichmässiges Graswachstum. Dieser Umstand dürfte nicht zuletzt einer sehr gleichbleibenden AFC geschuldet sein – also einer konstant vorhandenen Blattmasse über die Vegetationszeit.
Danke für eure Rückmeldungen, was ihr von den obigen Richtwerten haltet! Mail me!
Hauptthema: Weidesystem Mobgrazing
Dieser Beitrag entstand, nachdem der Autor dieses Graswachstumsberichts von der Zeitung Schweizer Bauer für Bilder von Mobgrazing in der Schweiz angefragt wurde. Er sagte zu und schickte ein paar Aufnahmen, die in Richtung «Langgras-Beweidung» gehen. Am 19. März 2025 erschien dann der Artikel, in welchem Daniel Bärtschi, Präsident von Agricultura Regeneratio, sein neues Beratungsangebot «Weide der Zukunft» vorstellt. Das für Landwirte kostenlose Beratungsprojekt in Zusammenarbeit mit "The Datamars Sustainability Foundation" (DMSF) richtet sich an Weidebetriebe, welche sich speziell für das sogenannte Mobgrazing interessieren.
IMHO
(in my humble opinon, engl. für "meiner bescheidenen Meinung nach"):
Mobgrazing scheint in aller Munde, wenn man die landwirtschaftliche Presse in den letzten Tagen und Monaten durchsieht. Einmal soll damit die trockenheitsbedingte Wachstumsdepression bekämpft werden, ein anderes Mal steht der optimale Schutz des Bodens bei Nässe im Vordergrund, meist geht es auch um die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit. Manchmal bedrängt mich das Gefühl, dass mit diesem neuen Schlagwort bisherige Versäumnisse beim Weidemanagement korrigiert werden sollen. Denn klar ist: gutes Weidemanagement ist immer "adaptiv" und passt sich den herrschenden Wachstumsbedingungen an. Das ist ein Hauptgrund, weshalb ich www.graswachstum.ch ins Leben gerufen habe. Deshalb reagiere ich zuweilen etwas misstrauisch, wenn wieder einmal die «Weide der Zukunft» ausgerufen wird.
Ich möchte hier klarstellen, dass trotz dem Titelbild im Artikel (welches nicht einmal eine Mobgrazing-typische Situation zeigt...), ich mich nicht als Mobgrazer betiteln möchte. Ich beginne früh mit dem Weidegang, sobald das Graswachstum einsetzt und (zumindest die ausreichend gedüngten) Wiesen schön dunkelgrün werden. Das fördert die Triebbildung und somit eine sehr dichte Grasnarbe. Die Stammweiden unserer Kühe werden sogar konsequent als Kurzrasenweide geführt - hier steht die Trittfestigkeit bei jeder Wetterlage klar im Vordergrund. Aber auch hier finde ich es wichtig: ab Juli ca. 8cm Grashöhe anstreben; wenn es trocken wird, ja nicht zu tief abfressen lassen, Weidefläche ausdehnen oder zufüttern.
Gleichzeitig probiere ich gerade bei den Milchschafen gerne Neues aus. Die Weidemischung mit Weiderotklee, Chicorée und Spitzwegerich lädt ja auch geradezu zum Experimentieren ein. Das kann dann so aussehen (realistischer als das Regenbogenbild vom Folgeaufwuchs im Juni, welcher aber dann viel schlechter gefressen wurde).
... und zu meinem Erstaunen konnte ich so das ungewohnte Futterloch im letzten Juni stopfen. 1ha für ca. 50 Milchschafe während 4 Wochen. 80% Weideanteil trotz Hudelwetter, und dabei erst noch so viel Milch produziert wie in früheren Jahren mit jüngeren Aufwüchsen. Ich war selber verblüfft – und nahm die Weidereste gerne in Kauf, zumal Konservieren in dieser Zeit eh kein Thema war.
Jeden Tag wurde zweimal ein Streifen von ca. 4m Breite nachgezäunt und für wenige Stunden beweidet. Nach der Beweidung sah es jeweils etwa so aus (nur ca. alle drei Tage wurde dann auch der hintere Zaun verschoben):
... und wenn man weiss, was nachher kommt – kein Wunder, dass der Nachwuchs ohne zusätzliche Düngergabe hervorragend war.
Ich begrüsse es grundsätzlich sehr, dass sich immer mehr Weidebetriebe kritisch mit ihrer eigenen Praxis und auch mit dem Schulbuchwissen auseinandersetzen.
Martin Zbinden
Zehn Grundregeln nach A. Voisin (1958)
Schon in der etwas älteren Literatur von André Voisin sind ganz viele Gedanken drin, welche heute unter der Fahne des "Mobgrazing" wieder hochgehalten werden. Hier ein kurzer Auszug aus seinem Werk "Die Kuh und ihre Weide" (A. Voisin, 1958, übersetzt auf Deutsch im Jahr 1962 durch den Bayerischen Landwirtschaftsverlag).
KAPITEL 13
Zehn Grundregeln, die man nie vergessen darfZum Schluß sollen die Leitsätze der rationellen Weidewirtschaft ganz kurz zusammengefaßt werden:
- Eine rationelle Beweidung läßt sich sowohl bei Dauerweiden als auch bei Feldgrasschlägen anwenden.
Der Umbruch alter Weiden befreit nicht von der Notwendigkeit, ,,gut" zu weiden. (247)- Ebenso wie es einen passenden Zeitpunkt zum Mähen gibt, gibt es auch einen Zeitpunkt, zu dem das Gras gut ist zum Beweiden.
- Wenn man die notwendigen Ruhezeiten beachtet, die je nach Jahreszeit verschieden lang sein müssen, dann ermöglicht man es dem Grase, die für das Nachwachsen erforderlichen Reserven zu sammeln und einen „Wachstumsschuß" zu erreichen. (8, 12)
Zur Zeit des „Wachstumsschusses" kann die Weide täglich 120 kg/ha Grünmasse produzieren gegenüber nur 40 kg zu Beginn des Nachwachsens. (14) Bei Einhaltung dieser Ruhezeiten läßt man das Gras nur fünfmal ( oder noch weniger) im Jahre vom Tiere ernten, anstatt zwanzigmal, wie bei der Standweide.
Dadurch wird eine Ertragssteigerung erzielt, die man mit dem Mehrertrag an Luzerne vergleichen kann, die nur dreimal im Jahre anstatt zehnmal geschnitten wird. (265)- Die Besatzzeiten müssen so kurz sein, daß ein Gras innerhalb derselben Besatzzeit nicht zum zweiten Male (nachdem es soeben mit. dem Nachwachsen begonnen hat) abgebissen werden kann. (16)
- Wenn man das Gras dank genügender Ruhezeiten lang genug werden läßt, dann ermöglicht man den Kühen die ausreichende Ernte eines ausgeglichenen Futters, das sich sowohl auf die Milchleistung als auch auf die Gesundheit der Tiere günstig auswirkt.
- Man verändert Ruhezeiten, um die zeitlichen Schwankungen im Grasnachwuchs auszugleichen. Dabei kann man sich der folgenden Möglichkeiten bedienen: (142-143) 52
a) Veränderung der Weidefläche durch Aus- und Einschalten von Koppeln -und Futterschlägen verschiedenster Art.
b) Grasreserven auf dem Halm (halbtrocken).
c) Erhöhung der N-Gaben bei nachlassender Wachstumskraft des Grases.
d) Wenn man genötigt ist, beizufüttern oder den Tierbesatz zu verringern, wie es bei der Standweide üblich ist, dann muß man sich bewußt sein, daß diese Hilfsmittel im rationellen Weidebetrieb nicht Selbstzweck sind, sondern nur dazu beitragen sollen, die passenden Ruhezeiten für die Weide einzuhalten.- Bei Aufstellung eines Weideplanes muß man zuerst aufgrund der beabsichtigten Aufenthaltszeiten (wir empfehlen 2 Tage) die Anzahl der Koppeln bestimmen, die es ermöglichen, die für Anfang Sommer ermittelten Ruhezeiten einzuhalten. Von der > Koppelzahl wird die durchschnittliche Koppelgröße abgeleitet.
Der Tierbesatz kann nur durch praktische Erfahrung bestimmt werden. Die Einteilung der Herde in drei Gruppen verlängert zu sehr die Besatzzeit. (140)
Bei Konzentration der Herde in einer Gruppe besteht die Gefahr, daß die Leistung der anspruchsvollen Tiere (Milchkühe) abfällt, da sie im Verlaufe des Kahlweidens weniger Gras von geringerer Qualität ernten. (72)
Ohne daraus eine zwingende Regel machen zu wollen, erscheint es doch angebracht, die Herde in zwei Gruppen zu teilen, besonders dann, wenn u. a. auch Milchkühe vorhanden sind. (141-142)- Die Weideführung muß elastisch sein. Das Gras kommandiert, der Weidewirt handelt. Man muß es verstehen, eine noch nicht genügend nachgewachsene Koppel zu überspringen oder auf eine vorher ausgelassene Koppel zurückzukehren. (160)
Die Gruppen müssen die Koppeln nicht unbedingt in regelmäßiger Reihenfolgebeweiden; deshalb benötigt man auch je Gruppe zwei Elektrodrähte.- Die große Klippe jedes Weidesystems ist die „ unzeitige Beschleunigung" des Umtriebs, die darin besteht, daß die Ruhezeiten ausgerechnet dann verkürzt werden, wenn sie verlängert werden müßten. Dieser Fehler tritt bei den verschiedenen Systemen der Portionsweide noch viel leichter auf als bei dem alten System Warmbold-Hohenheim. (183)
- Alle diese Grundregeln lassen sich in einem einzigen Satz unterbringen: Die Kunst der rationellen Weidewirtschaft besteht darin, das Wachsen des Grases zu beeinflussen und das Tier beim Weiden zu führen. Man muß endlich Schluß machen mit der alten Gewohnheit, daß man das Gras auf gut Glück wachsen und die Tiere willkürlich weiden läßt.
A. Voisin, 1958
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Nährstoffgehalte bei Mob grazing
Bei dieser Art der Beweidung stehen die Weidetiere nur eine kurze Zeit auf der zugeteilten Portion. Zudem sind die Ruhepausen zwischen Auftrieben sehr lang, teils sind die Aufwüchse dann 50 – 70 Tage alt. Zur Anwendung kommt das System vor allem bei Mutterkühen in Trockenregionen auf Ackerfutter. Werden nur die oberen Pflanzenteile gefressen und verbleibt der Rest auf der Fläche, können die Nährstoffgehalte des aufgenommenen Futters noch hoch liegen. Müssen die Tiere dagegen tiefer verbeißen, nehmen sie auch viel wenig nährstoffreiches Futter auf. Bei Milchkühen ohne Zufütterung kann die Jahresleistung dann bis auf 3.000 kg ECM/Kuh abfallen.»
Edmund Leisen, Ausschnitt aus dem Newsletter Öko-Netzwerk-Rind vom 20.03.2025
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Fazit
Anstatt hoch emotionale Diskussionen zu führen, sollten vielmehr selber Praxisversuche gemacht werden. Wichtig ist, eine zeitlang konsequent bei einem gewählten System zu bleiben. Ansonsten ist jedes Weidesystem wertlos und die Kuh als Gewohnheitstier am Ende überfordert.